Anarchosyndikalismus international, Nr 5 (Titel)

INHALT

POLEN: Höhere Löhne und Rentenreform gefordert
ÖSTERREICH: 12 Stunden am Tag schuften
SPANIEN: Gedenken an Opfer der Franco-Diktatur
SERBIEN: Leistungszwang und tödliche Arbeitsunfälle
SPANIEN: Kündigung bei PhoneHouse
RUSSLAND: Rentenreform schürt weiterhin Proteste
BRITANNIEN: Erfolgreicher Arbeitskampf bei Nachtclub in Brighton
BRASILIEN: Direkte Aktionen statt Wahlkampf
FRANKREICH: Chronik einer angekündigten Niederlage
SPANIEN: CNT-IAA im Arbeitskampf (Consum, Granja de Vez, Garibaldi)

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Auch als PDF (2,8 MB)

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POLEN

Höhere Löhne und Rentenreform gefordert

Am 22.09. fand in Warschau eine Demonstra­tion unter dem Motto „Polen braucht höhere Löhne“ statt. Das örtliche Syndikat der Basis­gewerkschaft ZSP-IAA nahm an dem Protest teil und fordere ebenfalls eine Anhebung der Arbeitsentgelte.

Darüber hinaus machten sie auch die noch andauernden Arbeitskämpfe bei der staatlichen Post und im Gesundheitsbereich aufmerksam. ZSP-Mitglieder erheben dort weiterhin Forde­rungen gegenüber den Arbeitgeber*innen und verweisen darauf, dass nur selbsorganisierte Aktionen unabhängiger Gewerkschaften gegen den Widerstand der offiziellen Stellvertreter*­innen in der Lage sind, nenneswerte Ergeb­nisse zu erkämpfen.

Trotz geringfügiger Erhöhungen sind in Polen immernoch Niedriglöhne an der Tagesordnung, zumal durch die Privati­sierung des Öffentlichen Dienstes und die Ausweitung prekärer Arbeits­verträge die Lebensbedingungen weiter ver­schlechtert werden. Die Demonstration forderte darüber hinaus eine Neuordnung des Rentensystems mit einem Ein­tritt nach 35 Arbeitsjahren, sowie die Wiederein­führung verschiedener Arten der Frühverren­tung in unsicheren und gesundheitsgefährdeten Berufen.

(http://zsp.net.pl)

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ÖSTERREICH

12 Stunden am Tag schuften

Der entgegen massiver Proteste durchgesetzte 12-Stunden-Tag wurde anscheinend bereits stillschweigend in einem großen Cateringunter­nehmen eingeführt, wie das Wiener Arbeiter*­innen-Syndikat Ende September berichtete. Ohne auf die Vorschriften der neuen Gesetze zu achten, wurden dort in den Dienstplänen still und heimlich einfach 12-Stunden-Schichten eingetragen.

Das Gastronomie-Unternehmen griff dabei auf den Trick zurück, einfach ungefragt zwei 6-Stunden-Schichten (oder auch eine 8- und eine 4-Stunden-Schicht hintereinander) einzutragen. Dabei gibt es jedoch für die Kolleg*innen keine Möglichkeit zum Widerspruch oder zur freiwil­ligen Einteilung der Tagesarbeitszeit:

„Eine Mitsprache bei den Dienstplänen ist in dieser Firma nicht vorgesehen. Die Propaganda der Regierung, daß eh alles freiwillig sei, ist damit Lügen gestraft! Was gemacht werden darf, wird auch gemacht! Und oft, wie in diesem Fall, sogar gesetzeswidrig noch mehr.“

Eben dieses Unternehmen bewegte sich schon früher mehrfach an der Grenze zum Verbote­nen. Nun zwingt es ihre Arbeiter*innen, die generell nur 20-Stunden-Verträge haben, zum blockweisen Abbau von Überstunden. Wer also 40 Stunden Mehrarbeit angesammelt hat, bekommt im Folgemonat keine Arbeit. Diese Arbeiter*innen werden dann erstmal als „geringfügig beschäftigt“ umgemeldet. Dabei muss die Firma für den betreffenden Monat keine Beiträge zur Arbeitslosen-, Kranken und Rentenversicherung zahlen und spart darüber hinaus auch Sonderzahlungen ein. Bereits bei geringer Auslastung des Betriebes rutschen dort viele Lohnabhängige in die Geringfügigkeit, wobei durch solche „dubiosen Abrechnungs­modalitäten“ ihnen das unternehmerische Risiko komplett aufgebürdet wird. Die Basis­gewerkschaft WAS befürchtet ange­sichts solcher Entwicklungen:

„Es bleibt anzunehmen, daß die Wirtschaft keinerlei Probleme hätte, uns nicht nur 60 sondern wieder 100 Stunden pro
Woche arbeiten zu lassen, wie es im 19.Jahrhundert noch üblich war und heute noch in „Entwicklungsländern“ oder beispielsweise asiatischen Sonderwirtschafts­zonen vorkommt – wenn sie denn nur dürfte und wenn wir ihr das durchgehen lassen.“

(https://wiensyndikat.wordpress.com)

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SPANIEN

Gedenken an Opfer der Franco-Diktatur

In der südspanischen Stadt Chiclana haben am 07.10. zahlreiche Anarchosyndikalist*innen aus der Region der Opfer des faschistischen Franco-Regimes gedacht. Im Bürgerkrieg (1936-1939) waren hunderttausende republi­kanische und libertäre Freiheitskämpfer*innen vom putschenden Militär (mit Hilfe deutscher und italienischer Truppen) ermordet worden.

Auf dem Friedhof „San Juan Bautista“ wurden an einer Gedenkstätte Blumen niedergelegt, Gedichte aufgesagt, Reden vorgetragen und eine Schweigeminute abgehalten. Der letzlich tragische Widerstand der anarchosyndikalisti­schen CNT-IAA, die gemeinsam mit der Anar­chistischen Föderation Iberiens (FAI) mit Arbeiter*milizen gegen die faschistische Armee (aber auch gegen die stalinistische PCE) kämpfte und schließlich den Bürgerkrieg verlor, hat im kulturellen Gedächtnis Spaniens schmerzhafte Spuren hinterlassen.

Noch heute werden Massengräber geöffnet und nach den „Verschwundenen“ gesucht. Der Kampf um eine Entschädigung für die Opfer der Diktatur, welche auch von der katholischen Kirche unterstützt wurde, wird auch noch vier Jahrzehnte nach Francos Tod erbittert geführt. Die CNT-IAA fordert beispielsweise eine Wiedergutmachung für die bei der Niederschla­gung der sozialen Revolution beschlagnahmten Gewerkschaftshäuser und selbstveralteten Fabriken, sowie Landwirtschaftskollektive.

„Das Gedächtnis ist die gelebte Erfahrung und ist bestimmt, mit seinen Zeug*innen zu sterben. Aber das Gedenken ist das kollektive Erinnern.“

(https://elmilicianocnt-aitchiclana.blogspot.com)

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SERBIEN

Leistungszwang und tödliche Arbeitsunfälle

Wie die Anarchosyndikalistische Initiative (ASI-IAA) berichtet, sind die Arbeitsbedingungen in der Firma „Jura“ in der Stadt Leskovac weiter­hin unerträglich. Seit Jahren beschweren sich die Arbeiter*innen des Kabelherstellers über menschenunwürdige Bedingungen:

Sie werden mit Metallstäben geschlagen, Kolleginnen werden sexuell belästigt und Toilettenpausen sind verboten. Stattdessen empfielt das Mana­gement, man sollte stattdessen Windeln tragen.

Nun soll das Werk ins Nachbarland Albanien verlegt werden, wo die Löhne noch niedriger sind und sich wohl mehr staatliche Fördergelder abgreifen lassen. Von den etwa 1.000 Arbeiter*­innen sollen zunächst nur 350 ihren Job bei dem Ausbeuterbetrieb verlieren, nämlich die Leistungsschwachen und chronisch Kranken.

Ob die Arbeiter*innen dem Aufruf der ASI folgen und den Betrieb besetzen, übernehmen und damit vor der Auslagerung retten, bleibt abzuwarten…

Darüber hinaus berichtet die serbische Gewerk­schaftsinitiative, dass Ende September erneut ein dramatischer Arbeitsunfall in Novi Sad stattgefunden hat. Der 38-jährige Bauarbeiter Radnik D., der für die Firma „Graditelj NS“ tätig war, ist von der neuen Žeželjev-Brücke in den Tod gestürzt.

Die Anfang September eröffnete Donaubrücke ersetzt einen Vorgängerbau, der bei einem NATO-Luftangriff im Kosovokrieg 1999 zerstört worden war. Bereits 2017 war ein Arbeiter auf der Brücke zu Tode gekommen, der 64-jährige Dragoljub J. aus Leskovac, weil das spanische Bauunternehmen „Azvi“ gegen die Arbeitsschutzvorschriften verstoßen hatte.

„Diese schreckliche Reihe von Todesfällen am Bau macht die brutalen Arbeitsbedingungen deutlich, die ein direktes Ergebnis der Gier der Eigentümer*innen ist. Deren einziges Interesse besteht darin, so viel Gewinn wie möglich zu machen, wo immer sie können.“

(https://www.facebook.com/borbenisindikat/)

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SPANIEN

Kündigung bei PhoneHouse

Die Basisgewerkschaft CNT-IAA in Albacete fordert seit Anfang September die Wiederein­stellung eines Arbeiters bei dem Telefonanbie­ter „Phone House“. Nach acht Jahren Betriebs­zugehörigkeit war dieser wegen einer Krank­meldung gekündigt worden.
Vor der Niederlassung in der Hauptstadt der Region Kastilien-La Mancha hatte die CNT-IAA daher eine Kundgebung organisiert. Dabei wur­den auch die gesundheitsgefähdenden Arbeits­bedingungen in dem Betrieb angesprochen, wie neun Stunden langes Stehen ohne Sitzpause, sowie das Heben schwerer Kisten trotz Schmerzen. Die Gewerkschaft unterstützt auch einen weiteren Kollegen in dessen Arbeits­kampf mit dem Kommunikationsunternehmen.

(http://cnt-ait-albacete.blogspot.com)

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RUSSLAND

Rentenreform schürt weiterhin Proteste

Erneut haben am 02.09. und 22.09. tausende Menschen gegen die Anhebung des Renten­alters und die Kürzung der Auszahlungen pro­testiert. Die Putin-Regierung plant, die Alters­grenze für Frauen auf 63 Jahre und für Männer auf 65 Jahre anzuheben. Jung und Alt gehen seit Monaten auf die Straße, um – trotz behörd­licher Versammlungsverbote – gegen diesen Angriff auf die Rechte der Arbeiter*schaft zu protestieren.

An den von autoritären Oppositionsparteien getragenen Kundgebungen in Moskau haben sich auch dieses Mal wieder die Anarchosyndi­kalist*innen der KRAS-IAA beteiligt, ebenso wie Anarchist*innen von „Avtonom“. Am Rande der Kundgebung verteilten sie Flugblätter, gaben Interviews und diskutierten mit anderen De­monstrant*innen.

Dabei zeigte die KRAS auch wieder ihre schwarzen Fahnen mit einem Schriftzug, der zum Generalstreik aufruft. Mehrmals hatte die Polizei versucht, das Zeigen dieser Fahnen zu verhindern, was teilweise jedoch (auch mit Unterstützung der offiziellen Veranstalter*innen) gegenüber der Staatsmacht durchgesetzt wurde.

Allerdings achten die Redner*innen der Oppo­sitionsparteien in ihren Ansprachen genau da­rauf, dass nicht zum Streik gegen die neolibe­rale Rentenreform des Kreml aufgerufen wird, denn die Regierung fürchtet, dass solche Arbeitsniederlegungen ihre Macht gefährden.

(http://www.aitrus.info)

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BRITANNIEN

Erfolgreicher Arbeitskampf bei Nachtclub in Brighton

Der Nachtclub „Proud Cabaret“ hat eine*r Arbeiter*in rückwirkend über 1.600 Euro vor­enthaltenen Lohn ausgezahlt, direkt nachdem ein Forderungsschreiben der Basisgewerk­schaft Solidarity Federation (SF-IAA) in dem Seebad Brighton überreicht worden war.

Eigentlich war nämlich zugesagt worden, dass der Stundenlohn 9,40 Euro betragen würde, aber tatsächlich wurden nur 8,38 Euro bezahlt. Erst als im April 2018 der neue Mindestlohn eingeführt wurde, kam es zu einer geringfügi­gen Lohnanhebung auf 8,66 Euro. Zudem war in dem ausgehändigten Arbeitsvertrag keine Lohnhöhe festgehalten worden, was jedoch rechtlich vorgeschrieben ist.

Nachdem wiederholte Anfragen an das Mana­gement erfolglos blieben, wurde die Solidarity Federation hinzugezogen, woraufhin die Chefs sich dazu entschlossen, sofort die offenen Lohnforderungen zu begleichen.

Es sei daran erinnert, dass dies nicht der erste Konflikt mit „Proud Cabaret“ um vorenthaltene Löhne war. Bereits 2015 wurde eine Arbeiter*in gezwungen trotz Krankmeldung zur Arbeit zu erscheinen, woraufhin die Solidarity Federation für ihr neues Mitglied Urlaubsgeld und eine Kündigungsfrist einforderte. Dieser Arbeits­kampf war ebenfalls erfolgreich beendet wor­den, nachdem das Unternehmen einen Teil der ausstehenden Forderungen beglichen hatte, womit sich die betroffene Person damals einverstanden erklärte.

Da die Firma „Proud Cabaret“ also bereits einen Vorgeschmack darauf bekommen hatte, wozu organisierte Arbeiter*innen imstande sind, war es nicht verwunderlich, dass sie den vollen Lohn ausgezahlt hat, noch bevor die Gewerk­schaft überhaupt eine öffentliche Kampagne gestartet hatte. Zudem ist es ein interessanter Zufall, dass das Unternehmen direkt nach Erhalt des Forderungsschreibens dazu über­gegangen war, der gesamten Belegschaft die Löhne zu erhöhen und Arbeitsverträge auszu­stellen.

Solche Erfolge stehen nicht für sich allein, denn jeder Sieg baut auf den vorherigen Kämpfen auf. Das hat Auswirkungen auf den Umgang mit nachfolgenden Kolleg*innen, wenn diese eben­falls ihre Arbeitsbedingungen verbessern möch­ten. Daher ist dieser Erfolg ist ein enormer Fort­schritt und macht deutlich, wie die Basisge­werkschaft SF-IAA durch anhaltendes Organi­sieren erfolgreich eine Kultur der Solidarität in der südenglischen Stadt aufbauen konnte.

Übersetzung: ASN Köln (CC: BY-NC)

(http://www.brightonsolfed.org.uk)

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BRASILIEN

Direkte Aktionen statt Wahlkampf

Auch angesichts der Stichwahl zum neuen Staatspräsidenten, die Jair Bolsonaro am 28.10. wohl höchst wahrscheinlich gewinnen wird, lehnt die unabhängige Basisgewerkschaft COB-IAA jede parteipolitische Propaganda in den Betrieben ab. Der faschistische Kandidat ist ehemaliger Offizier und bekennender An­hänger der früheren Militärdiktatur (1964-1985).

Er hat bereits die Unterstützung der großen Agraru-Unternehmen des Landes, sowie von evangelikalen Christ*innen, und droht jeder Opposition öffentlich mit einem Staatsstreich, Folter und Massenhinrichtungen.

Angesichts dessen setzt sich die COB-IAA dagegen ein, dass Lohnabhängige von ihren Vorgesetzten oder Kolleg*innen für ihre Wahl­kampfzwecke vereinnahmt und unter Druck gesetzt werden, ihre Stimme entsprechend für eine der Parteien abzugeben.

Die Anarchosyndikalist*innen machen sich daher stark gegen Mobbing, Diskriminierung und Gewalt am Arbeitsplatz. Stattdessen kämpfen sie als Gewerkschafter*innen gegen die Vorherrschaft der Stellvertretung in Parlament und Betriebsräten, und propagieren selbstbestimmte Direkte Aktionen im Sinne der freiheitlichen sozialen Bewegungen

(https://sindivariosaraxa.blogspot.com)

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FRANKREICH

Chronik einer angekündigten Niederlage

Die El-Khomri-Gesetze, das neue Arbeitsge­setzbuch, der Eisenbahn-Tarifvetrag – scheinbar haben die drei reformistischen Zentralgewerk­schaften CGT, FO und SUD das Spiel gegen den Staat verloren. Sie tragen selbst die Ver­antwortung für diese Niederlage, da sie angeb­lich die Verteidigung der Interessen der Arbei­ter*innen übernommen haben und daher über die Strategien und Formen des Arbeitskampfes entschieden haben.

Jedoch sind es am Ende die Arbeiter*innen, die für den Schaden aufkommen müssen. Wie ist es dazu gekommen? Der Kampf um die Vertei­digung des Eisenbahn-Tarifvertrags war in vie­lerlei Hinsicht beispielhaft: In diesem Bereich und allen vorherigen Arbeitskämpfen hat sich gezeigt, dass die Arbeiter*innen keinen Sieg davontragen können ohne die Unterstützung und Solidarität der betroffenen Kund*innen, denn ein Streik im öffentlichen Verkehrswesen wirkt sich direkt zu deren Nachteil aus.

Ein klassischer Streik ist also vielleicht nicht die beste Art einen solchen Konflikt auszutragen. Besonders, wenn man der Ansicht ist, daß sich eine Arbeitsniederlegung in erster Linie negativ auf die Eigentümer*innen auswirken sollte, in­dem er ihnen den Gewinn schmälert. Doch im Falle der SNCF ist es nicht einmal sicher, wie sich ein Gewinnrückgang auf den Staat als Eigentümer der Eisenbahn überhaupt auswirkt.

Was könnte man stattdessen tun? Eine Lösung wären Direkte Aktionen: Zum Beispiel alle Züge für die Benutzer*innen kostenlos fahren zu las­sen. Doch schon bei Erwähnung dieser Mög­lichkeit schreien die Gewerkschaften auf: „Das ist gesetzlich verboten! Das ist illegal!“

Oh, Schreck! Ein Gesetz übertreten? Diese Heuchler*innen seien daran erinnert, dass vor weniger als einem Jahrhundert noch jeder Streik und jede Demonstration gesetzlich ver­boten waren und durch die Staatsmacht brutal unterdrückt wurden. Doch nur, weil sich Arbei­ter*innen organisiert und die Gesetze übertre­ten hatten, sind diese Grundrechte in die Ver­fassung aufgenommen worden.

Noch im 19.Jahrhundert mussten achtjährige Kinder in den Bergwerken schuften, eine Rente oder bezahlten Urlaub gab es ebensowenig, wie eine Sozialversicherung. Die Lebenserwar­tung der Arbeiter*innen war damals zweimal niedriger als jene der Bürger*innen. Und daß sich daran etwas geändert hat, lag nur daran, dass die Arbeiter*innen sich zusammenge­schlossen und sich gegen Unternehmer*innen, Staat und Gesetz aufgelehnt haben, um aus eigener Kraft ihre Forderungen durchzusetzen.

Viele von ihnen sind dafür gestorben oder wur­den eingesperrt, wurden Opfer der Unterdrük­kung durch jene Kräfte, deren Auftrag es war, die Gesetze durchzusetzen. Ebenso ist der Mai 1968 ein gutes Beispiel, als Millionen Arbeiter*­innen die Fabriken besetzt hatten, gegen die CRS [Sondereinsatzkräfte der Polizei] kämpfen mussten und durch das Ausmaß ihrer Mobilisie­rung sogar die Macht ins Schwanken brachten, bevor der Staat und die Eigentümer*innen in vielen Punkten Zugeständnisse machen mus­sten.

Doch heute haben alle unsere sehr geehrten Gewerkschaftsbürokrat*innen diese Tatsachen „vergessen“ und lehnen es ab, das Gesetz zu übertreten. Sie beschränken sich darauf, in den Medien großmäulig aufzutreten, weil die Zen­tralgewerkschaften unter ihrer Leitung gänzlich in das System eingebunden sind.

Ihr Budget wird mit über 60 % vom Staat und den Unternehmer*innen finanziert und all ihre schönen Annehmlichkeiten (Niederlassungen, Räume, verschiedene Vorzüge usw. usf.) wären dahin, wenn sie aus der Rolle herausfallen wür­den, die der Staat ihnen vorgeschreibt. Denn wer würde bestreiten, dass die institutionellen Gewerkschaften in unserer Gesellschaft eine festgelegte Rolle spielen?

Und diese Rolle sieht nicht so aus, wie sich die Arbeiter*innen, die ihnen Vertrauen schenken, es sich vorstellen. Die wirkliche Aufgabe der Gewerkschaftsbürokratie besteht darin, mit am Tisch der Unternehmer*innen zu sitzen, um gemeinsam mit ihnen die Art und Weise des kapitalistischen Betriebes auszuhandeln (Zeit­pläne, Arbeitsbedingungen, Gehälter,…).

Natürlich besteht ihre Rolle auch darin, darauf zu achten, dass die Unternemen die Sozial­gesetze einhalten, und sie verteidigen die Ar­beiter*schaft gegen die Sklaventreiber*innen. Aber sie haben schon seit langem vergessen, daß das Gesetz nie nur ein Spiegel der Kräfte­verhältnisse zwischen den Klassen ist, und dass schließlich die Gesetze durch den Staat festgelegt werden, um die Interessen der herr­schenden Klasse zu verteidigen.

Und dazu ist nötig, daß das Gesetz streng vor­schreibt, wie die Arbeitskämpfe auf Grundlage von Stellvertretung abzulaufen haben, weshalb alle Formen von Direkter Aktion verboten sind. Ihre Rolle also besteht darin, die Arbeitskämpfe zu verwalten, damit zwischen den Klassen weiter Frieden herrscht.

In diesem Sinne sind die Zentralgewerkschaf­ten eine Stütze des kapitalistischen Systems. Alle Arbeitskämpfe der letzten Zeit haben das bestätigt, denn den Arbeiter*innen bleibt nichts anderes übrig als abzuwarten, was die traditio­nellen Gewerkschaften tun. Und das einzige, was wirklich etwas ändern würde, wären neu­geschaffene Organisationsformen, die direkt von den Arbeiter*innen selbst verwaltet werden – ohne freigestellte Funktionär*innen und ohne Hierarchie.

Auf diese Art könnten die Betroffenen ihre eige­nen Kämpfe direkt führen, indem sie jede Stell­vertretung und Übernahme ablehnen und sich weigern, an den Institutionen der Arbeitgeber*­innen oder des Staates teilzunehmen, damit sie das Kräfteverhältnis gegenüber den Unterneh­mer*innen umkehren können.

Diese Organisations- und Kampfformen sind jedoch nicht neu, denn es sind jene, die bereits im 19.Jahrhundert von den Arbeiter*innen spon­tan angenommen und weiterentwickelt wurden, um ihren Forderungen den nötigen Druck folgen zu lassen und genau die sozialen Errungenschaften durchzusetzen, welche der Staat und die Unternehmer*innen heute wieder in Frage stellen.

Aus: „Anarchosyndicalisme!“, No. 160, Sept. – Oct. 2018 (CNT-IAA Toulouse); Übersetzung: ASN Köln (CC:BY-NC)

(http://www.cntaittoulouse.lautre.net)

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SPANIEN

CNT-IAA im Arbeitskampf: Protest gegen Supermarkt „Consum“

Da ein Arbeiter in Barcelona von der Super­marktkette entlassen wurde, nachdem er an einem Familienbegräbnis teilgenommen und für die Zeit keinen Lohn erhalten hatte. In mehre­ren Städten führten Anarchosyndikalist*innen Mitte August einen Aktionstag zur Unterstüt­zung dieses monatelangen Konfliktes durch. Mit Kundgebungen, Plakaten, Flugblättern und Graffiti riefen sie zum Boykott des Unterneh­mens auf und fordern die Wiedereinstellung des Kollegen, sowie Einhaltung der Arbeitsrechte.

(http://cnt-ait-albacete.blogspot.com)

Granja de Vez entlässt Gewerkschafterin

Die Firma aus Albacete, die zum Landwirt­schaftskonzern „Grupo Sanchiz“ in Valencia gehört, betreibt großindustrielle Schweinemast, sowie Biogas- und Sonnenenergie-Anlagen. Dabei werden nicht nur die Tiere ausgebeutet, sondern auch die dortigen Arbeiter*innen, den­en grundlegende Rechte vorenthalten werden. Das Unternehmen hat zudem versucht eine gewerkschaftliche Organisierung zu verhindern, indem es sofort die Delegierte einer neugegrün­deten Betriebssektion zur Strafe entlassen hat.

Die Gewerkschafter*in hatte sich nicht nur gegen sexuelle Diskriminierung gewehrt, son­dern auch konkrete Forderungen bezüglich Urlaubsregelungen, Gesundheits- und Hygiene­maßnahmen, sowie des Arbeitsschutzes aufge­listet. Die Basisgewerkschaft CNT-IAA setzt sich daher für eine Rücknahme der Kündigung und die Wiedereinstellung der Kollegin ein. Für den 25.08. hatte sie eine Kundgebung, sowie eine Demonstration in Albacete organisiert.

(http://cnt-ait-albacete.blogspot.com)

Erfolg in Tarragona

Die anarchosyndikalistische CNT-IAA hat im Fall der Firma „Garibaldi“ einen Arbeitskampf gewonnen. Das Unternehmen bietet Reini­gungsdienste im Krankenhaus „Juan XXII“ in der Stadt Tarragona an. Nachdem der Anbieter wechselte und „Garibaldi“ den Betrieb über­nahm, wurden für Feiertage keine Überstun­denzuschläge mehr bezahlt, wie es nach dem vorherigen Tarifabkommen üblich war.

Die Basisgewerkschaft führte daher eine Infor­mationskampagne und Protestkundgebungen vor dem Hotel durch, um die Arbeiter*innen zu ermutigen, sich selbst zu organisieren und für ihre eigenen Rechte zu kämpfen.

(https://www.facebook.com/iwa.ait/)

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PDF: Anarchosyndikalismus international, Nr.5, Herbst 2018 (2,8 MB)

CC: BY-NC (asn.blogsport.de)