Vorläufige Prinzipienerklärung des ASN Kassel

Vorläufige Prinzipienerklärung des Anarchosyndikalistischen Netzwerk – Kassel (ASN-KS)

Quellen:
AG Prinzipienerklärung des ASN
Ergebnisse des Netzwerktreffens des ASN Ostern 2017
Prinzipienerklärung der Internationalen Arbeiter*innenassaoziation (IAA)

1. Zielsetzung

Die sozialrevolutionäre Bewegung, basierend auf dem Klassenkampf, setzt sich zum Ziel alle Menschen, welche darum kämpfen sich selbst aus ausbeuterischen, gewalttätigen und unterdrückerischen Verhältnissen und Strukturen ­­- ob am Arbeitsplatz, im sozialen Leben oder zu Hause – zu befreien, in solidarischen Zusammenschlüssen zusammen zu bringen. Dies können zB. Betriebsgruppen, Branchensyndikate, Allgemeine Syndikate, Stadtteilgruppen oder Komitees sein.

Ihr Ziel ist die Reorganisierung des sozialen Lebens auf Grundlage des libertären Kommunismus.


2. Gegen Monopolismus und für Selbstverwaltung

Die sozialrevolutionäre Bewegung ist kompromissloser Gegner jedes gesellschaftlichen und wirtschaftlichen und politischen Monopolismus, und hat sich dessen Abschaffung zum Ziel gesetzt. Dies soll geschehen durch die Gründung von Wirtschaftsgemeinschaften und Verwaltungsorganen, welche von Genoss*innen selbstverwaltet betrieben werden.

Die selbstverwalteten Betriebe bilden Delegiertentreffen, ohne sich einer Autorität oder politischen Partei unterzuordnen oder gar eine solche zu bilden. Als Alternative zur Politik von Staat und Parteien steht die sozialrevolutionäre Bewegung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau einer Produktion, in welcher sie die Herrschaft des Menschen über den Menschen beendet und die Verwaltung von ökonomischen Bedürfnissen selbst organisiert.

Konsequenterweise ist das Ziel der sozialrevolutionären Bewegung nicht die Eroberung der politischen Macht, sondern die Abschaffung aller Staatsfunktionen im gesellschaftlichen Leben.

Die sozialrevolutionäre Bewegung geht davon aus, dass mit dem Verschwinden des Monopols auf Eigentum auch das Monopol auf Herrschaft verschwinden muss. Und das keine Staatsform, wie auch immer sie sich tarnt, jemals ein Instrument menschlicher Befreiung sein kann. Sondern im Gegenteil: Sie wird immer wieder neue Monopole und neue Privilegien hervorbringen.

3. Aufgabe und Funktion

Die sozialrevolutionäre Bewegung hat eine zweifache Funktion: Einerseits den alltäglichen Kampf um die wirtschaftliche, geistige und soziale Entwicklung der arbeitenden Klasse innerhalb der Grenzen der heutigen Gesellschaft weiter zu entwickeln.

Und andererseits die Massen zu befähigen, dass sie in der Lage sind, den Prozess von Produktion und Verteilung unabhängig zu verwalten, wenn es an der Zeit ist von allen Elementen des gesellschaftlichen Lebens Besitz zu ergreifen.

Die sozialrevolutionäre Bewegung teilt nicht die Vorstellung, dass die Organisierung eines Gesellschaftssystems nicht einfach durch elitäre Regierungsanweisungen zu regeln sei. Sondern sie behauptet, dass dies nur durch gemeinsame Aktionen aller körperlich, geistig und sozial Arbeitenden geschafft werden kann. In jeder Industriebranche muss dies durch die Selbstverwaltung der Arbeiter*innen geschehen, so dass jede Gruppe, Fabrik oder Industriebranche ein selbstbestimmter Teil des größeren Wirtschaftsorganismus ist. Die sozialrevolutionäre Bewegung betreibt systematisch die Prozesse der Herstellung und Verteilung entsprechend der gemeinsamen Interessen, anhand eines allseits anerkannten Plans und auf der Grundlage gegenseitiger Zustimmung.

4. Gegen Macht und Zentralismus

Die sozialrevolutionäre Bewegung steht im Gegensatz zu allen organisatorischen Richtungen, die sich am Zentralismus von Staat und Kirche orientieren. Denn diese können nur dazu beitragen das Überleben von Staat und Autorität zu verlängern, sowie die geistige Initiative und das unabhängige Denken systematisch zu ersticken. Der Zentralismus ist eine künstliche Organisation, die die sogenannten Unterklassen denen unterwirft, die sich überlegen fühlen. Er legt die Angelegenheiten der gesamten Gesellschaft in die Hände Weniger – das Individuum wird in einen Roboter mit kontrollierten Gesten und Bewegungen verwandelt. In den zentralisierten Organisationen wird das Wohl der Gesellschaft den Interessen der Wenigen untergeordnet. Vielfalt wird durch Gleichförmigkeit ersetzt, und strenge Disziplin tritt an die Stelle persönlicher Verantwortung.
Konsequenterweise baut die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung ihre soziale Vision auf die breite Grundlage einer föderalistischen Organisation. Das heisst, eine Organisation wird von Unten aufgebaut, in der Vereinigung aller Kräfte zur Verteidigung gemeinsamer Vorstellungen und Interessen.

5. Gegen Stellvertreterdemokratie

Die sozialrevolutionäre Bewegung verweigert jede parlamentarische Aktivität und jede Zusammenarbeit mit gesetzgebenden Organen. Denn sie weiss, dass selbst das freieste Wahlsystem nicht das Verschwinden der klaren Widersprüche im Kern der heutigen Gesellschaft hervorbringen kann. Und weil das parlamentarische System vor Allem ein Ziel hat: der herrschenden Falschheit und den sozialen Ungleichheiten den Anschein einer Berechtigung zu verleihen.

6. Gegen politische und nationale Grenzen

Die sozialrevolutionäre Bewegung lehnt alle politischen und nationalen Grenzen ab, da sie willkürlich geschaffen worden sind. Sie erklärt, dass der sogenannte Nationalismus bloss die Religion des modernen Staates ist, hinter der die materiellen Interessen der besitzenden Klassen versteckt werden.

Die sozialrevolutionäre Bewegung kennt nur wirtschaftliche Differenzen, sowohl regionale als auch nationenweite, die Hierarchien, Privilegien und jede Art der Unterdrückung hervorbringen zB. aufgrund von „Rasse“, „Geschlecht“ und anderen falschen oder wahren Unterschieden.
Im Geist der Solidarität beansprucht sie das Recht auf Selbstbestimmung für alle wirtschaftlichen Gruppen.

7. Gegen Militarismus und Krieg

Die sozialrevolutionäre Bewegung kämpft gegen Militarismus und Krieg. Sie verbreitet Anti-Kriegs-Propaganda und tritt für die Abschaffung der stehenden Armeen ein, die nur ein Instrument der Konterrevolution im Dienst des Kapitalismus sind. Diese werden während der Revolution durch
Milizen ersetzt, die unter der Kontrolle der sozialrevolutionären Bewegung stehen.

Die sozialrevolutionäre Bewegung fordert ausserdem den Boykott und ein Embargo aller kriegswichtigen Rohstoffe und Produkte. Letztendlich vertritt die sozialrevolutionäre Bewegung den vorbeugenden und revolutionären Generalstreik als Mittel, um Krieg und Militarismus zu widerstehen.

8. Gegen Umweltzerstörung

Die sozialrevolutionäre Bewegung erkennt das Bedürfnis nach einer Produktionsweise, welche die Umwelt nicht zerstört. Und die versucht die Verwendung nicht-erneuerbarer Rohstoffe so gering wie möglich zu halten und wo immer es möglich ist, erneuerbare Alternativen zu verwenden. Nicht Unwissen ist die Ursache der heutigen Umweltkrise, sondern die Gier nach Gewinn.
Die kapitalistische Produktionsweise versucht immer, die Kosten zu verringern, um mehr Gewinne abzuschöpfen und zu überleben. Sie ist daher nicht in der Lage, die Umwelt zu schützen.

Zusammenfassend gesagt, hat die weltweite Schuldenkrise die Tendenz zur wirtschaftlichen Verwertung zum Schaden der Subsistenz-Landwirtschaft beschleunigt. Diese Tatsache hat die Zerstörung der tropischen Wälder, Hungertod und Krankheiten hervorgebracht. Der Kampf um die Rettung unseres Planeten und der Kampf für die Zerstörung des Kapitalismus muss zusammen geführt werden, oder alle beide werden scheitern.

9. Unsere Mittel und Methoden

Die sozialrevolutionäre Bewegung versteht sich ausdrücklich als Unterstützerin der Methode der direkten Aktion, und hilft und ermutigt zu allen Kämpfen, die nicht im Widerspruch zu ihren eigenen Zielen stehen.
Mittel sind: Besetzungen, Boykott, Bildung, Gegenseitige Hilfe, (General-)Streik, Solidarität usw. Die direkte Aktion erreicht ihren tiefsten Ausdruck im Generalstreik, der ausserdem – aus der Sicht der sozialrevolutionären Bewegung – der Auftakt zur sozialen Revolution sein soll.

10. Gegen Gewalt

Während die sozialrevolutionäre Bewegung aller organisierten Gewalt, unabhängig von der Art der Regierung, entgegensteht, befürchtet sie, dass während der entscheidenden Kämpfe zwischen dem heutigen Kapitalismus und dem künftigen freien Kommunismus Gewalttätigkeiten aufeinanderstossen können. Konsequenterweise erkennt sie an, dass Gewalt als Mittel der Verteidigung gegen jene gewalttätigen Methoden angewendet werden könnte, die die herrschenden Klassen während der Kämpfe einsetzen, welche die revolutionären Massen zur Enteignung des Landes und der Produktionsmittel führen. Gleichwohl erstrebt sie die Verselbstständigung einer Spirale der Gewalt keineswegs an und wird alles tun, um im Sinn von Graswurzel-Gewaltfreiheit mässigend auf Konflikte einzuwirken, ohne selbst ihre eigenen Ziele aufzugeben.

So wie Enteignungen nur durch direktes Eingreifen der sozialrevolutionären Organisation ausgeführt und zu einem erfolgreichen Ende geführt werden können, so muss die Verteidigung der Revolution ebenfalls die Aufgabe von sozialrevolutionären Milizen sein, und nicht die einer Armee oder eines quasi-militärischen Organs, das sich unabhängig von ihnen herausbildet.

11. Allgemein

Als Arbeiter*innen sehen wir uns als Teil aller lohnabhängig oder selbständig Erwerbstätigen, unentgeltlich (Fürsorge-)Arbeitenden, Selbstversorger*innen, Schüler*innen, Studierenden und Rentner*innen. Wer aber Kapitaleigentum oder durch hierarchische Verhältnisse (direkten bzw. indirekten Zwang) andere für sich weisungsgebunden arbeiten lässt, steht einer von uns angestrebten gleichberechtigten Selbstbestimmung entgegen. Bezahlte und unbezahlte Stellvertreter*innen, z.B. Betriebsräte oder Politiker*innen, haben die Aufgabe als Teil des herrschenden Systems Machtverhältnisse aufrecht zu halten. Sie sind nicht den gemeinsamen Entscheidungen der Arbeiter*innen verpflichtet.

Das herrschaftsfreie, selbstbestimmte Arbeiten als Einzelperson, Kooperative oder Kollektiv ist eine Grundlage für einen gesellschaftlichen Wandel hin zu einem Erlernen von Selbstermächtigung und als Vorbild für andere. Aber nicht in Abgrenzung von der Gesellschaft, sondern als Teil einer revolutionären Strategie hin zum freiheitlichen Kommunismus gemäß dem Prinzip: Jede*r nach seinen*ihren Fähigkeiten, allen nach ihren Bedürfnissen. Dazu müssen die (Re-)Produktion von Gütern und Dienstleistungen, aber auch ihre Verteilung und der Konsum kollektiv organisiert werden.

Selbstbestimmtes Arbeiten im Betrieb bedeutet also auch Bildungsarbeit im Prozess des sozialen Fortschritts. Es geht nicht um die Eroberung der politischen Macht, sondern die Mittel entsprechen bereits den freiheitlichen Zielen. Es stellt sich die Frage nach Ethik im Arbeitsprozess, denn es spielt eine Rolle welche Tätigkeit zu welchem Zweck geleistet wird und wer davon profitiert.

Wenn also von den Herrschenden die Machtfrage gestellt wird und der Fortschritt unterdrückt werden soll, erkennen wir das Recht auf kollektive, spontane Selbstverteidigung an. Den Aufbau von Einrichtungen zur Anwendung gewaltsamer Mittel als Lösung gesellschaftlicher Konflikte lehnen wir ebenso ab, wie bewaffnete Herrschaftsorgane (Polizei, Militär, Sicherheitsdienste, Mafia,…).

Unsere Mittel in betrieblichen und sozialen Kämpfe sind Direkte Aktionen, wie Besetzungen, Bildung, Boykott, Gegenseitige Hilfe, (General-)Streik und Solidarität. In Vollversammlungen wird über die Aufnahme und Beendigung unserer Kämpfe gleichberechtigt entschieden. Eine Konsensentscheidung ist dabei immer einer Abstimmung nach Mehrheiten vorzuziehen, um auch Meinungen von Minderheiten einzubeziehen. Delegierte bekommen den Auftrag auf Versammlungen mit anderen Delegierten Entscheidungen zu besprechen, um danach die Ergebnisse zurück in die Vollversammlungen zu tragen, um weiteres zu beschließen. Auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene organisieren wir uns dezentral und gleichberechtigt auf Grundlage des Föderalismus.


Anarchosyndikalistisches Netzwerk (ASN) – Gruppe Kassel

siehe auch: Schwarz-Rote Feder, Nr.7